Taiwan: Wirtschaftliche Kooperation wagen

Krueger 2021 Kooperation statt Tauschhandel Taiwan

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Anfang des Jahres berichtete die Nachrichtenagentur Reuters von einem Brief, den Wirtschaftsminister Peter Altmaier an seine taiwanische Kollegin Wang Mei-hua schrieb. In dem Schreiben bat Altmaier um prioritäre Belieferung mit Halbleiterchips, die der deutschen Automobilbranche ausgegangen seien. Ein ungewöhnlicher Schritt, da Kooperation und Kommunikation mit Taiwan auf Ministerebene bislang eher eine Seltenheit war. Jedoch ist Taiwan Weltmarktführer für Halbleiterchips, bei welchen es in der Vergangenheit durch Lieferverzögerungen immer wieder zu Produktionsstopps verschiedener Branchen gekommen ist. Deutschland selbst hat nicht die Kompetenzen die benötigten Chips herzustellen und läuft somit Gefahr den Wettbewerb um alternative Antriebsmodelle wie E‑Autos zu verlieren. Kurz nach Erhalt des Schreibens lud Wang Mei-hua Vertreter der wichtigsten Chiphersteller zu sich ein und versicherte, dass alle Beteiligten ihr Bestes tun“ würden. Geholfen hat das bis heute nicht. Als Reaktion auf Altmaiers Schreiben brachte der taiwanische Gesundheitsminister Chen Shih-chung zudem einen möglichen Tausch von Halbleiterchips gegen deutsche Vakzine ins Gespräch. Das Land hatte lange große Probleme, die eigene Bevölkerung mit Impfstoffen gegen das Coronavirus zu versorgen. Bis heute sind lediglich knapp 388.000 vollständig geimpft, 1,6% der Bevölkerung. Gespräche zwischen der taiwanischen Regierung und Biontech über den Erwerb von Millionen Impfdosen waren trotz Unterstützung der Bundesregierung in letzter Minute gescheitert. Vermutlich geschah dies aufgrund einer Intervention durch Peking, wie der Vertreter Taiwans in Deutschland mitteilte. Die zwei taiwanischen Techgiganten TSMC und Foxconn setzten sich daraufhin für eigene Verhandlungen mit Biontech ein. Erst im Juli konnten sie eine Liefervereinbarung mit dem Impfstoffhersteller in Mainz sowie seinem Vertragspartner in Shanghai erzielen.

Dass Altmaier bis heute kein Erfolg hatte, liegt sicher auch an dem Umstand, dass beide Länder demokratisch sind. Keine der jeweiligen Regierungen in Berlin oder Taipeh könnte es sich erlauben, ohne Weiteres in die Geschäftspläne privater Firmen einzugreifen – und das ist ein gutes Zeichen! Jedoch führt dies bei schwachen wirtschaftlichen Beziehungen dazu, dass auch ein politisch und wirtschaftlich starkes Land wie Deutschland sich hintanstellen muss. Deutschland liegt auf Platz 10 der wichtigsten Handelspartner Taiwans mit einem Exportvolumen von 6.1 Milliarden USD, macht jedoch nur 1.7% der gesamten Exporte aus. Taiwan ist Deutschlands fünftwichtigster Handelspartner in Asien. Seit 2015 gibt es eine Vereinbarung über die Vertiefung der Kooperation im Bildungsbereich. 2019 wurde zudem eine verbesserte Zusammenarbeit vereinbart und die Bundesregierung verkündete, die Zusammenarbeit mit Taiwan in Wirtschaft, Kultur, Bildung, Wissenschaft und Forschung weiter auszubauen. Seit Langem bemühen sich die Repräsentanten der taiwanischen Regierung in Berlin um mehr Kooperation, vor allem im Bereich der KI und KI-Anwendungen für die Industrie sehen sie Potenziale in der Zusammenarbeit mit Deutschland. Dort bewegt sich seither aber zu wenig, um langfristig bessere wirtschaftliche Beziehungen zu erreichen. 

Kritische Stimmen wollen Deutschland in der Halbleiterfrage deshalb in keiner Weise eine Priorität einräumen. Die Taipei Times veröffentlichte bereits am 9.2.21 einen Artikel, in dem der deutschen Regierung im Zuge der Hilfsanfrage und gleichzeitiger Treue zur Ein-China-Politik ein unangemessenes Verhalten vorgeworfen wird. Die Kommunistische Partei in Beijing sieht Taiwan als Teil der Volksrepublik und duldet deshalb kaum bilateralen Kooperationen Taiwans mit anderen Ländern. Diese Anfrage sei deshalb ein kraftvoller Schlag in das Gesicht von [Ministerin] Wang“. Deutschlands Vertreter in Taiwan sagte hierzu in einem Interview, dass die lokale Presse Deutschland zu Unrecht beschuldige Desinteresse zu zeigen, wenn es um die Anliegen Taiwans geht. Zudem liegt die Entscheidungshoheit über den Vertrieb der Vakzine nicht im Wirtschaftsministerium. Somit hat Altmaiers Anfrage ebenso wenig Gewicht, wie der dringende Bedarf Taiwans an Vakzinen – auch mit Blick auf Biontechs Absatzmarkt in China. Trotzdem bringen immer mehr Vertreter einen politischen Einsatz von Halbleiterchips ins Gespräch. So stellte der de facto Botschafter der EU in Taiwan, Filip Grzegorzewski, fest, dass das Land besseren Gebrauch von seinen Produkten machen sollte. Auch John Deng, Taiwans führender Handelsbeamter, glaubt, dass die Knappheit an Halbleiterchips sogar von Vorteil für das Land sein wird. Westliche Staaten könnten nun vermehrt dazu bereit sein, Handelsvereinbarungen mit Taiwan zu schließen. Selbst mögliche Reaktionen aus Beijing wären dann nicht mehr maßgeblich.

Mittlerweile fängt die Bundesregierung an sich mit dem Thema Halbleiterchips auseinanderzusetzen und auch die Europäische Union plant eigene Chipfabriken, sogenannten Fabs. Allerdings setzen die Europäer auf das falsche Pferd, wie Jan-Peter Kleinhans, Projektdirektor für Technologie und Geopolitik der Stiftung Neue Verantwortung, kürzlich erläuterte. Anstatt sich auf das Chipdesign zu konzentrieren und somit unabhängiger zu werden, soll in Europa hauptsächlich produziert werden. Dies führt weder zu mehr Unabhängigkeit, noch zu besserer Planbarkeit in der nahen Zukunft, so Kleinhans weiter. Die Planung und der Bau weniger Fabs würde zudem bereits viele Jahre und mehrere Milliarden Euro verschlingen. 

Wie die USA zeigen, könnte eine bessere Planbarkeit für Lieferketten im Informations- und Kommunikationssektor erreicht werden, indem eine vertiefte wirtschaftliche Kooperation mit Taiwan forciert wird. Diesem Beispiel sollten wir folgen und uns den Reaktionen aus Beijing entsprechend entgegenstellen. Denn der Komplexität der Lieferketten im Technologiesektor und hierzu dringend benötigter Kooperationskonzepte der Landesregierungen kann sich auch China nicht verwehren. Wir wären zudem ein glaubhafter Partner, wenn wir im Bereich Softwareentwicklung auf den Wunsch einer tieferen Kooperation mit Taiwan eingehen. Wir müssen ein echtes Interesse an der gemeinsamen Forschung, Ausgestaltung und Ausbau von Projekten entwickeln. Ein Bittschreiben wie das von Peter Altmaier Anfang des Jahres sollten wir dann nicht mehr benötigen.


This commentary was origianlly published in Tagesspiegel Background: Digitalisierung & KI on August 172021