Ein Auswärtiges Amt für unser Jahrhundert

Brockmeier 2018 Amtlicher Reformbedarf Original

Source: Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft /​Flickr

Von Trumps Drohungen mit Autozöllen über Konflikte in Nahost bis zum Coronavirus – selten war Außenpolitik in der deutschen Öffentlichkeit so präsent. Und selten war so offensichtlich, wie verwundbar Deutschland durch die massive Vernetzung seiner Wirtschaft und Gesellschaft geworden ist. Hier reicht es längst nicht mehr, Washington, London oder Paris zu folgen. Die außenpolitischen Ideen und Strategien müssen auch aus Deutschland kommen. 

Zwar schien es in den vergangenen Jahren immer wieder so, als würde die deutsche Außenpolitik endlich Fahrt aufnehmen – beim Thema Afghanistan, im Arabischen Frühling, 2014 nach der Münchner Sicherheitskonferenz, mit der Führungsrolle Berlins im Ukraine-Konflikt oder zuletzt bei der Berliner Libyen-Konferenz. Doch sie gerät immer wieder ins Stocken. Zu den Gründen gehören fehlende Führung im Kanzleramt und eine Große Koalition, deren Parteien sich in außenpolitischen Fragen gegenseitig blockieren. Aber eine wichtige Ursache der zögerlichen Politik liegt auch da, wo die Außenpolitik eigentlich herkommen soll: im Auswärtigen Amt. 

Notwendig für eine aktivere deutsche Außenpolitik wäre ein Außenministerium, das die Fachexpertise aller Ministerien und die Informationen aus den 227 Auslandsvertretungen so kompetent zu einer kohärenten deutschen Außenpolitik zusammenführt, dass daraus etwas Größeres wird als die vielen einzelnen Politiken von 13 anderen Ressorts. Ein Amt, das strategisches Denken, Initiative und Netzwerken fördert. Ein diplomatischer Dienst, der nicht nur vereinzelt eine Führungsrolle Deutschlands mit den notwendigen diplomatischen Kapazitäten unterlegen kann – in der Ukraine und Libyen, aber auch zu Syrien, der Sahelzone oder der nächsten Krise. Ein diplomatischer Dienst, der sich gleichzeitig darauf konzentrieren kann, Europa zusammenzuhalten und Expertise zu China aufzubauen, um mit der EU längerfristig für die eigenen Werte und Interessen einzustehen – und der ausgestattet ist.

Genau diese Kapazitäten und diese Strategiefähigkeit fehlen derzeit am Werderschen Markt. Um das zu ändern, braucht es weitreichende Reformen – von einem umfassenden Wandel in der Hauskultur und im Karrieremanagement der Diplomaten über kleine Revolutionen in der IT-Ausstattung, im Wissensmanagement und in der Kommunikation bis hin zu mehr Personal und handfesten Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen.


The full version of this article was published in the March/​April edition of Internationale Politik and is available here.