Dis­tan­ziert euch von den Au­to­kra­ten!

Audi Hungaria Tábla A Chio Snackgyár Mellett 2018 Győr

Source: Globetrotter19 / Wikimedia Commons

Die Re­gie­run­gen in Un­garn und Po­len ern­ten schon seit Län­ge­rem Kri­tik von ih­ren eu­ro­päi­schen Nach­barn. So sag­te der fran­zö­si­sche Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron erst kürz­lich, man­cher po­li­ti­sche Füh­rer aus Ost­eu­ro­pa of­fen­ba­re ei­ne „zy­ni­sche Her­an­ge­hens­wei­se“ ge­gen­über der Eu­ro­päi­schen Uni­on. Die Staats­chefs wür­den zwar ger­ne das Geld von der Ge­mein­schaft neh­men, ih­re Wer­te je­doch nicht re­spek­tie­ren.

Bis­lang re­agie­ren die Staats­chefs die­ser Län­der sehr selbst­be­wusst auf sol­che Vor­wür­fe. Ei­nes der wich­tigs­ten Ar­gu­men­te da­für lie­fern ih­nen Un­ter­neh­men wie Au­di und Daim­ler, die in die­sen Län­dern in­ves­tie­ren. Der un­ga­ri­sche Pre­mier Vik­tor Orbán sag­te zum Bei­spiel im Früh­jahr, es sei dumm, das Land an den Pran­ger zu stel­len. Schließ­lich ge­hö­re es „zu den Wachs­tums­trä­gern der EU“. Und Po­lens Vi­ze-Pre­mier Ma­teusz Mo­ra­wi­ecki sag­te: „Die In­ves­to­ren stim­men mit ih­rem Geld für un­se­re Po­li­tik.“

Die west­li­chen In­dus­trie­un­ter­neh­men schät­zen die nied­ri­gen Lohn­stück­kos­ten in die­sen Län­dern, die gut aus­ge­bil­de­ten Ar­beits­kräf­te, die In­fra­struk­tur und dieat­trak­ti­ven Un­ter­neh­mens­steu­er­sät­ze. Po­len lockt mit Son­der­wirt­schafts­zo­nen. Un­garn sub­ven­tio­niert den Bau neu­er Pro­duk­ti­ons­stand­or­te aus dem Staats­haus­halt, wie den ei­nes neu­en Daim­ler-Werks für ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro. Im Ge­gen­zug las­sen sich auch deut­sche Un­ter­neh­men von den Re­gie­run­gen in­stru­men­ta­li­sie­ren, um de­ren au­to­ri­tä­re Po­li­tik zu le­gi­ti­mie­ren.

So lud Au­di zum Bei­spiel En­de 2014 Vik­tor Orbán zur Er­öff­nung der TT-Roads­ter-Pro­duk­ti­on in Győr ein. „Un­garn ist heu­te un­vor­stell­bar oh­ne Au­di“ , sag­te der Pre­mier. Und Au­di-Chef Stad­ler er­wi­der­te die Um­gar­nung: „Wir füh­len uns als Au­di zu Hau­se in Un­garn.“

Auch Daim­ler pflegt seit Jah­ren en­ge Be­zie­hun­gen zu den Staats­chefs. Eck­art von Kla­eden, Lei­ter Re­gie­rungs­be­zie­hun­gen bei Daim­ler, zeig­te sich erst im Mai strah­lend mit Vik­tor Orbán auf ei­nem Fo­rum für Ak­tio­nä­re in Bu­da­pest. Und der un­ga­ri­sche Pre­mier be­dank­te sich für das „Sym­bol des Ver­trau­ens, wel­ches der Daim­ler-Kon­zern Un­garn ent­ge­gen­bringt“ .

Ei­ni­ge Ta­ge spä­ter ver­lieh der Deut­sche Wirt­schafts­club Un­garn, zu des­sen Spon­so­ren Au­di und Daim­ler zäh­len, sei­nen Freund­schafts­preis an Orbáns Chef­ideo­lo­gin, die His­to­ri­ke­rin Mária Schmidt. Ei­ne Frau, die die Op­po­si­ti­on in Un­garn als „Die­ner aus­län­di­scher In­ter­es­sen“ be­zeich­net und Un­garns Ju­den vor­wirft, das „tra­gi­sche Schick­sal ih­rer Vor­fah­ren als er­erb­tes Pri­vi­leg“ zu be­trach­ten.

Co-Trä­ger des Prei­ses war der Lei­ter der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung in Bu­da­pest, Frank Speng­ler. Die­ser sprach in sei­ner Dan­kes­re­de da­von, dass „wirt­schafts­för­dern­de po­li­ti­sche Rah­men­be­din­gun­gen und ge­sell­schaft­lich ver­ant­wort­lich han­deln­de Un­ter­neh­men not­wen­di­ge Vor­aus­set­zun­gen für nach­hal­ti­gen Wohl­stand für al­le“ sei­en. So fei­ern sich die Prot­ago­nis­ten ei­nes Ku­schel­kur­ses zwi­schen il­li­be­ra­len Re­gie­run­gen und In­ves­to­ren ge­gen­sei­tig.

Dies ist fa­tal, pro­fi­tie­ren Un­ter­neh­men bei In­ves­ti­tio­nen in­ner­halb der EU doch von ei­nem ge­mein­sa­men Markt, der un­trenn­bar ver­bun­den ist mit ge­teil­ten li­be­ral-de­mo­kra­ti­schen Nor­men.

Es ist da­her höchs­te Zeit, dass Un­ter­neh­men für ih­re Kum­pa­nei mit Orbán und Co. in ih­ren west­eu­ro­päi­schen Hei­mat­märk­ten un­ter öf­fent­li­chen Druck ge­ra­ten, in den Me­di­en wie durch NGO-Kam­pa­gnen.

Ziel soll­te sein, dass sich In­ves­to­ren klar von der Po­li­tik au­to­ri­tär-il­li­be­ra­ler Re­gie­run­gen dis­tan­zie­ren. Zu­dem soll­ten sie in ei­nen ge­mein­sa­men Fonds zur Stär­kung von Me­di­en und bür­ger­li­chem En­ga­ge­ment ein­zah­len.

Na­tür­lich kann ei­ne po­li­ti­sche Neu­po­si­tio­nie­rung von Un­ter­neh­men al­lein nicht ver­hin­dern, dass die Re­gie­run­gen in die au­to­ri­tä­re Po­li­tik ab­drif­ten. Doch deut­li­che Wor­te wür­den sie ei­nes all­zu be­que­men Fei­gen­blat­tes be­rau­ben. Es muss gel­ten: Un­ter­neh­men wer­den ih­rer ge­sell­schaft­li­chen Ver­ant­wor­tung nur dann ge­recht, wenn sie im ge­mein­sa­men Wer­te­raum Eu­ro­pa klar für die Grund­sät­ze li­be­ra­ler De­mo­kra­tie ein­ste­hen.

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This commentary, also available for download, was originally published by DIE ZEIT on September 19, 2017.